Lebenslauf des Grafen Bolko von Stolberg Wernigerode,
Herrn auf Schlemmin etc.pp. 1823 bis 1884


Dieser Bericht ist einer Chronik der Pommerschen v. Thuns entnommen, die in einer recht fehlerhaften Abschrift vorliegt. Die Schreibung wurde, ausgenommen offensichtliche Schreibfehler, übernommen, wie vorgefunden. Falls Personen- oder Ortsnamen nach den zeitgenössischen Maßstäben falsch geschrieben sind, lasse man es uns bitte wissen!

[ zurück zur Zeittafel]

Den Harz und seine grünen Waldberge, die Wiege des Stolbergschen Grafenhauses, betrachtete Graf Bolko immer als seine eigentliche Heimat. -

1834 wurde der Vater als Regierungs-Präsident nach Düsseldorf, 1837 als Ober-Präsident nach Magdeburg, 1840 als Hausminister nach Berlin versetzt, wo ihr Freund und Vertrauter König Friedrich Wilhelm IV, 1854 starb.

Die Erziehung der Kinder war eine sehr einfache, überaus tüchtige im elterlichen Hause. Sie legte vor allen Dingen den Grund echter tiefer Frömmigkeit und entwickelte früh die seltenen Eigenschaften größter Selbstbeherrschung, Festigkeit und Wahrheit, verbunden mit aufopfernder Hingebung und Selbstlosigkeit, Treue und Klarheit, welche später den unvergeßlichen Mann auszeichneten.

Nach dem Tode seines zweiten Bruders, des Grafen Conrad hatte ihm sein Vater die zeitweilige Verwaltung der Herrschaft Diessfordt am Rhein übergeben, wo er seine Vorliebe für Wald und Feldwirtschaft zuerst zu bekunden, aber auch besonders in Zeiten der Überschwemmung unermüdlich zu wirken, rechte Gelegenheit fand. -

Am 5ten. Novbr. 1853 vermählte sich Grafen Bolko mit der Gräfin Elisabeth, ältesten Tochter des General-Lieutnants von Thun auf Schlemmin und verblieb noch ein Jahr in Potsdam in seinem alten Regiment, welchem zu der gleichen Zeit auch sein jüngster Bruder, Graf Theodor angehörte. Am 14ten. Novbr. 1854 schied der Graf als Rittmeister aus dem Regiment, trat in die Garde Landwehr-Cavallerie, und übernahm bald darauf die vorpommerschen Güter von Schlemmin, wo er bis zum Jahre 1862 in tiefster Eintracht und gegenseitiger Liebe mit seinem Schwiegervater zusammen wohnte, bis zu dessen Tode. -

Er bekleidete nacheinander oder auch zugleich die meisten Ämter seines, ihm zur Heimat gewordenen Kreises Franzburg, schritt in begeisterter Liebe für König und Vaterland allen patriotentischen Bestrebungen voran, wirkte auf die Hebung des Geistigen materiellen Wohles (was immer das sein mag) der Bevölkerung, war Mitglied und Vorsitzender verschiedener politischer und landwirtschaftlicher Vereine, ohne sich an die Grenzen seines nächsten Wirkungskreises zu binden, und begrüßte und vertrat in späteren Jahren mit Freunden und gewohnter Energie die Sozialpolitik Kaiser Wilhelms und seines Kanzlers. - (Einführung der Sozialversicherung duch Bismarck)

Selbst fest gegründet auf dem Felsengrund unseres christlichen Glaubens, war sein höchstes Ziel die Förderung des Reiches Gottes, auf Erden, war noch ein Christ, stets auf das Ende gerichtet, widmete sich in seinem, so warmen Herzen Kraft und Milde. Ernst und Heiterkeit wohltuhend vereinend. -

Mit größter Aufopferung unterzog er sich den übernommenen Plichten und Arbeiten. Ende August wurde er vom schweren Dienst abgelöst, wo er nur einen Tag zu Hause war, traf ihn dort die Nachricht von der Erkrankung seines im Felde stehenden treuen Jägers, und sofort eilte er auf den Kriegsschauplatz zurück, um den Todkranken zurückzuholen und ihn bei sich mit größter Sorgfalt zu pflegen.

Solche Züge edler aufopfernder Liebe erklären es uns, warum sich so viele Herzen an ihn ketteten, den die hohe und doch so demütige Devise des Ordens - Ich dien! zu der seines Lebens gemacht hatte. -

Auch von höchster Stelle wurde solche Treue mit Anerkennung gelohnt. Im März 1867 wurde dem Grafen der Kronaut (?) II. Klassen mit dem Johanniterkreuz verliehen. Außerdem besaß er den roten Adler Orden II. Klasse mit Eichenlaub, den roten Adler Orden III. Klasse mit Schleife und Johanniterkreuz, das Ritterkreuz von Hohenzollern, den Kronen Orden, die Kriegsmedaillen von 1864 und 1866, die Verdienstmedaillen für 1848 und den 1864 in Schlesien verliehenen Österreichischen Leopolds Orden. Im Herbst 1863 verlieh ihm S.M.(=Seine Majestät) der Kaiser den Stern zum Kronen Orden II. Classe.

1869 einstimmig zum Landrat des Franzburger Kreises gewählt, verwaltete Graf Stolberg dieses Amt bis 1872. Wohl war es dem Johanniter, wie dem Soldaten - das hat der oft ausgesprochen - schwer, während der Kriegsjahre 1870 und 1871 durch sein Amt daheim, gebunden zu sein, aber gerade dieses Amt bot ihm andererseits Gelegenheit, auch zu Hause auf das tatkräftigste zu wirken und in dieser großen Zeit alle Werke barmherziger Liebe zu fördern. In seltenem Maaße besaß er das Vertrauen der Menschen, seine reiche Erfahrung, seine Personal-Kenntnisse, seine aufopfernde Treue und Selbstlosigkeit, seine Thatkraft und Einsicht machten ihn buchstäblich zum Vater und Berater seines Kreises, dessen Wohl überall er vertrat, wie auch die weiteren Interessen der Provinz. Seine offene Hand, sein offenes Haus werden vielen unvergessen bleiben.

Seine wankende Gesundheit hätte große Schonung bedurft, doch kannte er keine andere Pflicht, keine höhere Freude als die, für andere zu sorgen und zu wirken, sich für andere aufzuopfern. -

Im Jahre 1884 war seine Kraft gebrochen. Auf Anraten der Ärzte sollte er den Winter im Süden, wo er auch schon früher verweilt hatte, verleben. Anfang November reiste er, sobald es sein Befinden gestattete, mit seiner Gemahlin nach Mentour. Doch schon am 9. Dezember wurde er von Gott dem Herrn nach schwerem Leiden, friedvoll und in siegendem Glauben abgerufen.

Am 21ten desselben Monats wurde er in heimatlicher Erde zu Schlemmin bestattet, tief und allgemein betrauert, ein leuchtendes Vorbild im Leben, wie im Sterben, war eins, die Signatur seines Charakters, so war es die Treue, er hat sie in jedem Verhältniss bewahrt, er hat sie bis in den Tod gehalten. -

[ zurück zur Zeittafel]
© Pfarramt Ahrenshagen, 05.02.2002
 ValidCSS-Validierung