Der Schlemminer "Eierkrieg"

In den Jahren 1919 bis 1927 wurde im Bereich der Kirchgemeinde Schlemmin mit wachsender Verbitterung über Naturalabgaben (Eier) an den Schullehrer bzw. Küster gestritten. Der Streit fand durch Einführung der staatlichen Lehrerbesoldung einerseits, der Kirchensteuer andrerseits gegen 1928/1929 ein Ende.

Die Pfarre erhielt dies, soweit aus den Unterlagen zu entnehmen ist, immer unabhängig vom Ausfall der Ernte. Die Folge war, daß in schlimmen Zeiten die Bauern, in guten der Pfarrer und der Küster unzufrieden waren.

Im Falle Schlemmins stammte die letzte gültige Festlegung von 1583. Natürlich hatte sich die soziale Zusammensetzung in der Gemeinde seither stark verändert. Deshalb mußte es irgendwann zu einer Neuregelung kommen.

Die Verbitterung, die teilweise aus den Stellungnahmen der Betroffenen spricht, erklärt sich durch die besondere Not-Situation der Nachkriegsjahre, schlechte Ernten, Wirtschaftskrise und Inflation; es spielt aber auch eine wenig "revolutionärer Geist" eine Rolle. Erschwerend kommt hinzu, daß der zuständige Pastor Kröcher, der 1911 seinen Wohnsitz nach Tribohm verlegt hatte, offenbar kein sehr enges Verhältnis zu den Schlemminern hatte und sich infolgedessen gut als "Buhmann" eignete.

Der Schlemminer "Eierkrieg" dauerte 8 Jahre, die vorliegenden Schriftstücke geben nur einen Eindruck von dem, was er die Beteiligten an Ärger, Sorgen und Kummer gekostet hat.

Offenbar hat der Landrat den leidigen Fall 1923 lösen wollen, hatte nur dies und das übersehen, .... Das Konsistorium führt nun Regie. Eine neue Klageschrift, nunmehr gegen 49 Beschuldigte wird vorbereitet, aber wohl nicht eingereicht.

Auf die Beschwerde über den Landrat hin, denkt 1924 die Regierung noch einmal schärfer nach. Sie teilt mit: Der Landrat muß die Eier einfach nur zwangsweise eintreiben lassen. Das Konsistorium ist schon über die Andeutung, wie man die Sache anders regeln könne, besorgt.

Im Folgejahr 1925 stellt die gleiche Regierung erstaunt fest, daß erstens Eier sich schwer pfänden lasse, und zweitens die "Beklagten" sich wehren. Leider fehlt jegliche Meinungsäußerung vom zuständigen Gerichtsvollzieher.
Jetzt regiert die Regierung mal so richtig und weist an, der Gemeindekirchenrat habe die Sache binnen Monatsfrist anders zu regeln.

Seit wann lassen protestantische Gemeindekirchenräte sich von der Regierung etwas vorschreiben? Zunächst wirft aber der Landrat endgültig das Handtuch, und dann kommt es im Dezember 1926, zu einem Entwurf, dem der eigentlich maßgebliche, aber nunmehr erstmalig auftauchende Patron so nicht zustimmen kann.

Offenbar wird nachgebessert, der Ablösung der Eierlieferung durch eine Geldzahlung (Steuer) kann im Juni 1927 auch das Konsistorium zustimmen, kurz bevor die gesamte Schul- und Kirchenfinanzierung gesetzlich neu geregelt wird.

Redaktionelle Anmerkungen


Die vorliegenden Akten sind umfangreich, aber nicht ganz lückenlos. Falls etwa betroffene Familien noch über Dokumente verfügen, würden wir die (die Dokumente!) gerne mit aufnehmen.

Weil es heute noch Nachkommen Beteiligter in Schlemmin gibt, werden die Namen der beteiligten Verweigerer nur mit Beruf und Anfangsbuchstaben aufgeführt.

Auf den Dokumentenseiten sind alle Originaltexte in schwarzer, Erläuterungen in grüner Farbe gehalten. Es wurde die originale Rechtschreibung übernommen, soweit es sich nicht um offensichtliche Tippfehler handelte. Lücken im Text bzw. unleserliche Stellen sind mit drei Pünktchen gekennzeichnet.

© Pfarramt Ahrenshagen, 30.04.2002
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