Eierkrieg als Papierkrieg - das Jahr 1922

Die 14 Beklagten insbesondere seien für die Jahre 1919 und 1920 damit im Rückstand und hätten trotz Mahnschreiben vom 9. September 1920 nicht geliefert. Es handle sich um eine Abgabe des öffentlichen Rechts. Der Anspruch beruhe auf Jahrhunderte altem Recht. Schon in der Matrikel der Kirchengemeinde Schlemmin vom Jahr 1583 sei festgestellt: "Jeder Baumann gibt auf Ostern an den Küster 20 Eier, jeder Kotze 10 Eier."
   Eine Ablösung sei bisher nicht erfolgt.
   Die Beklagten geben in ihrer Mehrzahl zu, bis in die letzte Zeit die Eier geliefert zu haben, bestreiten jedoch dazu verpflichtet gewesen zu sein.
   Sie haben beantragt, die Klage abzuweisen.
   Bezüglich des Vorbringens der Parteien im Einzelnen wird auf die Schriftsätze und das vorgetragenen Urteil vor. Instanz verwiesen.
   Der Kreisausschuß Franzburg hat durch Urteil vom 26. September 1921 die Klage mit folgender Begründung abgewiesen:
   Die Matrikel vom Jahr 1583 lege nur jedem Baumann (Bauer) und Kotzen (Kossäten) die Verpflichtung zur Eierlieferung auf. Zu diesen gehörten aber sämtliche Beklagte nicht, ebensowenig habe sich aber für deren Verpflichtung eine Observanz gebildet, weil diese eine längere gleichmäßige Befolgung einer Regel in dem Bewußtsein ihrer Verbindlichkeit vorausgesetzt hätte. Das sei aber im vorliegenden Fall zu verneinen, weil die Beklagten glaubhaft behauptet hätten, sie hätten sich niemals ernstlich zur Lieferung für verpflichtet gehalten und stets mit Widerstreben geleistet.
   Gegen dieses Urteil hat die Klägerin fristgemäß bei dem jetzt erkennenden Bezirksausschuss Berufung eingelegt mit dem Antrage,
Das angefochtene Urteil aufzuheben und die Beklagten nach dem Klageantrage zu verurteilen.

Die Beklagten beantragen,
   die Berufung der Klägerin kostenpflichtig zurückzuweisen. Die mündliche Verhandlung vor dem Bezirksausschuss wurde lediglich auf die Prüfung der Zulässigkeit des Verwaltungsstreitverfahren beschränkt.

Da infolgedessen, wenn auch aus anderen Gründen, zu demselben Endergebnis wie der Kreisausschuss gekommen würde, ward die Berufung zurückgewiesen.

Die Kostenfrage regelt § 103 L.V.G.
Urkundlich unter dem Siegel des Bezirksausschusses zu Stralsund und der verordneten Unterschrift.

LSG

Der Bezirksausschuss.
J.V.
gez. Prebs

Ausfertigung:
II B 8/1921


Für Nichtjuristen: Die Zurückweisung der Berufung bedeutet, daß das Urteil der Vorinstanz (des Kreisausschusses) Bestand hat. Und das, obwohl dieser Kreisausschuss nach dem neuen Urteil, ebenso wie der Bezirksausschuss, gar nicht zuständig war. Hätte der Kreisausschuß die Eierverweigerer verurteilt, hätte des Bezirksausschuss das Urteil aufgehoben, die Berufung hätte Erfolg gehabt, die Eierverweigerer hätten keine Eier liefern, aber den Prozess bezahlen müssen.

Herrn
Pastor K r ö c h e r
Tribohm
b/ Semlow Kr. Franzburg.


Sehr geehrter Herrn Pastor!
Vorstehende Abschrift sende
ich zur gefälligen Kenntnisnahme.
Stralsund, den 24. M a i 1922
Hochachtungsvoll
Dr. Langemak
Justizrat u. Notar


Schon wieder ist der Gemeindekirchenrat den Gegenwert von mehreren Jahren Eierlieferung los. Die Eierverweigerer freuen sich, aber wie sich bald heraustellt, zu früh.

Verordnete Eskalation


Evangelisches Konsistorium
der Provinz Pommern.
Stettin, den 21. Oktober 1922
Elisabethstr. 9.


Tgb. XI Nr. 968.

Zum Bericht vom 23. d. Mts., betreffend Ein-
stellung der Eierlieferung an den Küster

Den Gemeindekirchenrat veranlassen wir, dem Rat des Rechtsanwalts Justizrat Langemak Folge zu leisten und demgemäss nach erneuter Aufforderung zur Zahlung bei weiterer Weigerung alle Säumigen auf dem ordentlichen Rechtswege zu verklagen, jedoch nur wegen der Lieferung für das laufende Jahr 1922.
Ist aber die Zwangsbeitreibung auf Grund der Order vom 19. Juni 1836 im Verwaltungszwangsverfahren bei dem Landrat des Kreises zu beantragen und erst nach einer Ablehnung der Klageweg zu beschreiten.

Die Anlagen folgen anbei zurück.

Unterschrift: unleserlich

An den Gemeindekirchenrat
Schlemmin.



Hier wird erstmals deutlich, was manche Schlemminer bis heute nicht glauben, der treibende Keil war nicht der "böse" Pastor Kröcher oder der Gemeindekirchenrat, in dem ja auch nur Schlemminer Bürger saßen, wenn auch wahrscheinlich "bessere", sondern das Konsistorium und, wie später deutlich wird, der Kirchenpatron.

© Pfarramt Ahrenshagen, 30.04.2002
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